Die Türnitzer Hütte schreibt Geschichte

Die älteste Hütte des Österreichischen Gebirgsvereins wird 100 Jahre alt

 

Nur noch ganz wenige ÖGV-Mitglieder werden sich erinnern können. Als am 25. März 1890 im heutigen Wiener Vorortebezirk Neuwaldegg der “Niederösterreichische Gebirgsverein” unter seinem ersten Obmann, Hugo Gerbers, gegründet wurde, war der noch junge alpine Verein bereits fünf Jahre später stolzer Besitzer der ersten Schutzhütte in den niederösterreichischen Voralpen: der Türnitzer Hütte am gleichnamigen Türnitzer Höger, Wächter über die Waldberge des Traisen-Quellgebiets im Raumdreieck Freiland - Türnitz - St.Aegyd/Neuwald.

Zu verdanken hat die Hütte ihren heutigen Standort vor allem dem unermüdlichen Einsatz des damaligen Mitglieds Eugen Brietze , der in den Höger ziemlich vernarrt war. Mit einem Kostenaufwand von 5.639 Kronen wird eine Blockhütte am Scheitel und knapp unterhalb des Gipfels des markanten Traisentaler Berges nach nur zweijähriger Bauzeit am 1. September 1895 feierlich eröffnet. 150 Quadratmeter Grund mußten damals zu einem “Pachtschilling” von 8 Gulden gepachtet werden. Die Türnitzer Hütte war damit die erste Schutzhütte des noch jungen Gebirgsvereins, sie erschloss erstmals ein ausgedehntes Waldgebiet im Traisental. Bis zum Ersten Weltkrieg betreuten Julius Seitner sowie dessen Freund Klier Hütte und Wege auf den Türnitzer Höger. Die steigende Zahl der Högerfreunde machte schon 12 Jahre nach der Eröffnung den ersten Zubau notwendig. Mit dem Bau von zwei Schlafräumen an der Ostseite wird die Hütte auch für diejenigen Bergwanderer interessant, die schon früh am Morgen die herrliche Aussicht vom Höger genießen wollen. Zu den im Süden angrenzenden Ausläufern des steirischen Hochschwabs sowie den weiter im Westen liegenden Gesäusebergen samt Lugauer und Buchstein.

Während des Krieges wird die Hütte dann längere Zeit das Asyl von Holzfällern aus dem Tiroler Zillertal und wird nach dem Krieg in ziemlich desolaten Zustand von der Gruppe Türnitz des ÖGV betreut. Nachdem sich die Türnitzer ÖGV-Gruppe in den frühen zwanziger Jahren aufgelöst hat(sie blieb es bis heute), kommt die einstmals schmucke Blockhütte am 24. März 1921 in die treuhändige Verwaltung der erst vor acht Jahren gegründeten St. Pöltner Ortsgruppe des Österreichischen Gebirgsvereins. Von da an nimmt die Hütte bis zur heutigen Zeit einen ungebrochenen Aufschwung.

In unermüdlicher und aufopfernder Arbeit des damaligen Hüttenwartes Hlinka und nach dessen Tode besonders Ing. Franz Barnath bekommt die Holzhütte am Türnitzer Höger jenes Aussehen, das es auch heute noch hat. 1924 wird die Hütte renoviert und baulich verbessert, 1932 die Inneneinrichtung des Gastraumes vollkommen erneuert. 1933 erfolgt der zweite Zubau mit einer Skiablage und einem Wirtschaftsraum.

Ein Name freilich, darf in der Chronologie der ältesten ÖGV-Hütte nicht vergessen werden: Peter Rauchenberger. Hüttenpächter, Hausherr des Hüttengrundes, Wirtschaftsbesitzer und Hirterbub leitet die Geschicke der Türnitzer Hütte nahezu unermüdlich ein halbes Jahrhundert lang. Ohne "weibliche" Hilfe wirtschaftet er allein auf "seinem" Berg und "seiner" Hütte. So manches Mitglied kann sich heute noch an seine Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit, aber auch Starrköpfigkeit erinnern. Seine Biskuitomletten mit selbstgepflückten Preiselbeeren mundeten manchem Bergwanderer so gut, daß er in der Zeit der schweren wirtschaftlichen Not gleich mehrere Tage auf der Hütte verweilte. Episoden über das Unikum auf dem Türnitzer Höger gibt es genug. “Er schlürfte über die Fußbodenbretter und ein richtiges hartes Kratzen war auf einmal zu hören. Wir hoben ihm den “Haxn” hoch. Und siehe da, in seiner Fußsohle, tief in der Haut, steckte ein langer rostiger Nagel. Das hatte Peter beim Schleppen gar nicht gespürt.” 18 Tage nach der 55-Jahr-Feier, am 11. Oktober 1950, setzte auf der Viehhalt ein Schlaganfall seinem Leben ein jähes Ende.

Seine so geliebte Türnitzer Hütte wurde im Lauf des Zweiten Weltkriegs schwer mitgenommen. Da die Ortsgruppe St. Pölten in den ersten beiden Nachkriegsjahren praktisch nicht existierte, änderte sich auch nach dem Krieg an diesem Zustand nicht viel. Erst 1948 begann die Gruppe in mühevoller Arbeit mit der Wiederinstandsetzung der Türnitzer Hütte. Einige Versuche mit neuen Pächtern schlugen jedoch fehl. Einem Peter Rauchenberger nachzufolgen war auch wahrlich schwer.

1954 kommt die Hütte in die Hände des aufopferungsvollen Hüttenwartes Ing. Helmut Ricker, der die Geschicke des 1.372 m hoch gelegenen Schutzhauses ununterbrochen bis 1978 leitet. Seither versehen Vereinsmitglieder mit ihren Familien an Wochenenden sowie an Feiertagen den notwendigen Hüttendienst. Während der Woche bleibt die Hütte geschlossen bzw. steht nur denjenigen Wanderern zur Verfügung, die die totale Einsamkeit des Winterraumes genießen wollen. Den immer größer werdenden Anforderungen und Begehrlichkeiten der Bergwanderer in puncto Versorgung sowie die Probleme bei der Abfallbeseitigung mußte die Gruppe St. Pölten Folge leisten. Vorbei sind die Zeiten, wo frisches Quellwasser noch zur Hütte geschleppt wurde, und der Wein und das Pulver für die Erbsensuppe mehr als zwei Stunden zur Hütte getragen werden mußten.

Die Wasserversorgung wurde modernisiert. Schließlich wurde 1980 bereits unter der Verantwortung des neuen Hüttenwartes Sepp Herndlbauer der Bau einer Materialseilbahn aus dem Kräuterbachgraben (Lehenrotte) in Angriff genommen. Am 18. Oktober 1980 erfolgte die Jungfernfahrt der neuen Seilbahn, die erste Bierkiste konnte zur Hütte befördert werden. Die Erneuerung der Sanitäranlagen und mangelnde Lagermöglichkeiten der Getränke machen Ende der 80iger Jahre unter dem neuen Hüttenwart Karl Schremser einen Kellerzubau notwendig, der am 20. Juni 1988 begonnen wird.

An der Charakteristik der Türnitzer Hütte wird sich freilich auch trotz Zubau, Modernisierung und Gaslicht nicht viel ändern. Wiener Schnitzel mit Pommes Frites auf der Speisekarte werden nach wie vor ein Fremdwort bleiben. Nur so ist der Betrieb mit Hobby-Hüttenwirten aufrecht zu erhalten, die ihren “Dienst” ehrenamtlich und ohne Bezahlung für die wandernden Gäste versehen. Die Türnitzer Hütte ist und bleibt ein Kleinod für Bergwanderer und Bergsteiger, denen das Naturerlebnis und die Ruhe am Berg wichtiger sind als eine prall beschriebene Speisekarte, Fließwasser im Waschraum oder ein rascher und bequemer Aufstieg vom nächsten Autoparkplatz. Die "wahren” Bergsteiger wissen es zu danken. Sie schätzen den Türnitzer Höger mit seiner Hütte am Gipfel. Und wir, die Hobby-Hüttenwirte, schätzen sie. So soll es auch bleiben.

Dieter Holzweber